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Redebeitrag zum Tag der Pflege am 12.05.2021

Wir haben heute schon einiges von den Beschäftigten über die Arbeitsbedingungen   in Krankenhäusern und Alten- und Pflegeheimen gehört. Es macht uns wütend, dass die Pfleger:innen am Limit arbeiten, dass sie – nicht erst seit dem Beginn der  Corona-Pandemie – schlecht bezahlt werden und  von Altersarmut bedroht sind.  Wir sind solidarisch mit euren Kämpfen!

Danke, dass wir als feministisches Streikbündnis Leipzig heute hier sein dürfen. In unserem Redebeitrag  möchten wir über die häusliche Pflege sprechen, die häufig noch unsichtbarer ist.

Von den 4.1 Millionen Menschen, die in Deutschland Pflege benötigen, werden 80% zuhause gepflegt. Der Großteil unter ihnen wird von Angehörigen gepflegt, teilweise mit Unterstützung ambulanter Pflegedienste oder sogenannter  24h-Pflegekräfte. Pflegende Angehörige sind zu 70% weiblich, denn  die Fähigkeit, sich um andere zu kümmern und zu sorgen, wird in unserer Gesellschaft FLINTA als natürlich zugeschrieben. Mit FLINTA meinen wir Frauen, Lesben, Inter-, Nichtbinäre, Trans- und Agender Personen. So scheint es leider ganz normal, und wird sogar von der Gesellschaft erwartet, dass sich FLINTA für die Versorgung von pflegebedürftigen Familienmitgliedern auf Grund von Alter, Krankheit oder Behinderung verantwortlich fühlen. Dabei  sind viele von ihnen erwerbstätig, da das Geld sonst schlicht nicht reicht. Dies bedeutet eine massive Doppelbelastung durch Lohnarbeit und die physisch und psychisch herausfordernde Versorgung der pflegebedürftigen Person. Buchstäblich ein Knochenjob! Trotzdem haben 44% der pflegenden Angehörigen weniger als 1000€ monatlich zur Verfügung, somit ist Armut vorprogrammiert. 

Familien, die es sich leisten können, übertragen die Pflege Angehöriger häufig an  Pflegekräfte aus Osteuropa oder dem globalen Süden. Das ist billiger als Pflege in professionellen Einrichtungen. Diese Pfleger:innen leben häufig im gleichen Haushalt und pflegen rund um die Uhr. Obwohl ihnen der Mindestlohn, regelmäßige Pausen sowie eine Begrenzung der Wochenarbeitszeit zusteht, verdienen sie oft deutlich weniger und arbeiten viel mehr. Da sie außerdem meist isoliert leben und arbeiten, haben sie keinen Zugang zu Beratungsstellen oder Gewerkschaften. Noch schwieriger ist die Lage von illegalisierten Pfleger:innen , die aufgrund ihres Aufenthaltsstatus in einer noch krasseren Abhängigkeit von ihren Arbeitgeber:innen stehen. Die Entlastung weiblicher Familienmitglieder, die von der zweifachen Beanspruchung durch Sorge- und  Lohnarbeit zurecht überfordert sind, geschieht somit auf Kosten anderer FLINTA.

Der überwiegende Teil der Pflege in Deutschland  geschieht zuhause  und ruht größtenteils auf den Schultern pflegender Angehöriger und migrantischer Pflegekräfte – beides gerät zu oft aus dem Blick. Während der Corona-Pandemie bekamen sie nicht mal Applaus! Aus unserer feministischen Perspektive liegt dies an der gesellschaftlichen Abwertung von Sorge, zu der Pflege zählt. Sorgearbeit ist eng mit unserer kapitalistischen Wirtschaftsweise verwoben, denn sie wird in den häuslichen Bereich und das Private ausgelagert und ermöglicht somit billige Arbeitskraft. Doch wir  alle haben in unserem Leben Fürsorge gebraucht, brauchen sie oder werden sie brauchen. Deshalb gehört Sorge und damit auch Pflege ins Zentrum der Gesellschaft, und nicht systematisch an den Rand gedrängt. 

Für die Aufwertung häuslicher Pflege fordern wir: 

  • eine echte finanzielle Absicherung für pflegende Angehörige, zB durch ein vor Armut schützendes Grundeinkommen und eine armutsfeste Rente für pflegende Angehörige. Es kann nicht sein, dass pflegende Angehörige trotz Lohnarbeit und Pflege von finanziellen Sorgen und Altersarmut bedroht sind.
  • – Arbeitsrechtliche Absicherung, Gesundheitsschutz, bessere Bezahlung und geregelte Arbeitszeiten für migrantische Pflegekräfte, sowie einen Aufenthaltsstatus für alle!
  • einen massiven  Ausbau der sozialen Infrastruktur, besonders der Einrichtungen für  Kurzzeit-, Tages – und Nachtpflege. Diese ermöglichen die dringend notwendige Entlastung für pflegende Angehörige.
  • eine Verringerung der  Wochenarbeitszeit auf 30 h oder weniger bei vollem Lohnausgleich. Wenn Männer weniger lohnarbeiten , wird die traditionelle Arbeitsteilung zwischen dem vollerwerbstätigen Mann und der teilzeitarbeitenden Frau in Frage gestellt. Männer könnten mehr Sorge-Arbeit übernehmen, und es wäre nicht mehr selbstverständlich, dass sich vor allem FLINTA zuhause um Pflegebedürftige  kümmern.
  • schließlich, und wohl das am schwierigsten zu erkämpfende Ziel, ist eine andere gesellschaftliche Organisation von Sorge-Arbeit. Wir wollen eine Gesellschaft, in der alle genügend Zeit und Ressourcen haben, sich umeinander zu sorgen, und Menschen selbst bestimmen, wie sie pflegen und gepflegt werden möchten. Wir wünschen uns, dass sich Menschen in Gemeinschaften umeinander sorgen, die nicht auf die Kleinfamilie beschränkt sind. Wir träumen von Nachbarschaften, in denen es kollektive Küchen, Wäschereien und Begegnungsorte gibt, in denen Menschen sich gemeinsam organisieren und auf einander achten, um ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Machen wir uns zusammen auf den Weg zur Care-Revolution!