1. Mai 2023

Redebeitrag des FemStreik Leipzig zum 1. Mai 2023 


Als queerfeministische und materialistisch-feministische Gruppe arbeiten wir aktivistisch zentral zum Thema Streik am 8. März und ganzjährig darüber hinaus zu Bildung, Vernetzung und Solidarität unter und für FLINTA*.
Als queerfeministische Aktivist*innen ist es uns wichtig, an diesem Tag explizit auf die feministische Perspektiven zu Arbeitsrealitäten aufmerksam zu machen.

Die Verbindung zwischen der Arbeiterbewegung und der Frauen*bewegung ist historisch sehr bedeutsam. Von Beginn an war die Industrieproduktion untrennbar mit asymmetrischen Geschlechterverhältnissen verwoben. So wurde zum Beispiel bereits 1885 im damaligen Preußen ein Verein zur Vertretung der Interessen weiblicher Arbeiterinnen ins Leben gerufen. Es ging darin um Bildung und Gemeinschaft, aber auch um handfeste Fragen der dringend nötigen Verbesserung der Arbeitsbedingungen, die Regelung der Lohnverhältnisse, gegenseitige Unterstützung bei Lohnstreitigkeiten, Aufklärung und vieles mehr. Hierdurch wurde unter anderem die prekäre Situation der Näherinnen in Heimarbeit öffentlich gemacht und eine Verringerung ihres ohnehin schon geringen Einkommens konnte durch öffentliche Proteste verhindert werden. 

Der 1. Mai, als Kampftag der Arbeit, geht zurück bis ins Jahr 1886, als in den USA rund 400.000 Arbeiter*innen auf die Straße gingen, um für einen 8-Stunden-Tag zu kämpfen. Auch heute noch müssen wir über herrschende Ungerechtigkeiten auf dem Arbeitsmarkt sprechen. Frauen, und vor allem trans und nicht-binäre Menschen, stehen diesen in besonders ausgeprägten Maße gegenüber. Der Gender Pay Gap, der seit 1995 in Deutschland unverändert bei 21% liegt, ist inakzeptabel und zeigt, dass noch viel Arbeit vor uns liegt, um für Geschlechtergerechtigkeit einzustehen. FLINTA*s sind häufig von schlechter Bezahlung, schlechten Arbeitsbedingungen, Arbeitslosigkeit und Altersarmut betroffen, wobei geflüchtete und migrantisierte, sowie be_hinderte FLINTA*s noch viel stärker und öfter in solch prekäre Lebensrealitäten gedrängt werden.
Die Forderung nach gerechten Arbeitsbedingungen hat also auch heute, fast 150 Jahre nach dem US-amerikanischen Streik, kein Stück an Relevanz und Aktualität verloren. Wenn wir von Arbeit sprechen, dürfen wir aber nicht nur die Arbeit im Sinne der Lohnarbeit meinen: Wir müssen auch, und insbesondere, diejenige Arbeit, die im Kapitalismus unsichtbar gemacht wird, benennen und ergründen.

Wir meinen jene Arbeit, die seit Jahrhunderten aufgrund patriarchaler Rollenbildern ‚Frauen‘ zugeschrieben und noch immer zu fast 100% von FLINTA* Personen geleistet wird: Carearbeit. Historisch gesehen wurde Carearbeit oft mit Frauen in Verbindung gebracht und als natürliche Rolle von Frauen betrachtet. Dies hat zu einer Naturalisierung der Carearbeiten geführt, bei der die soziale Rolle der Frau als selbstverständlich angesehen wurde. Doch Carearbeit ist keine ausschließlich weibliche Angelegenheit, sondern betrifft Menschen aller Geschlechter und Identitäten. Es ist an der Zeit, diese stereotype Vorstellung von Carearbeit zu überwinden und sie als eine gesellschaftliche Verantwortung anzuerkennen, die von allen geteilt werden sollte.
Carearbeit beinhaltet präkarisierte Zustände, in bezahlten Bereichen, vor allem aber im unbezahlten Aspekt. Nur wenige der Menschen, die Care-Arbeit leisten, werden dafür bezahlt, und die, die bezahlt werden, erhalten viel zu geringe Löhne! Unbezahlte Carearbeit, oder auch Reproduktionsarbeit, meint die ins Private gedrängten Arbeiten, wie putzen, kochen, waschen, Organisierung des Familienalltags, Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen und viele weitere. 

Diese viel zu wenig gewertschätzten unbezahlten Arbeiten, werden zumeist von FLINTA*-Personen erfüllt, insbesondere aber von von Mehrfachdiskriminierung betroffenen Menschen, die sexistischen, rassistischen und klassistischen Unterdrückungsmechanismen zu oft gleichzeitig ausgesetzt sind. Der Großteill dieser Arbeit geschieht in den eigenen vier Wänden. Er wird ins Private verlegt, unsichtbar gemacht und oft gar nicht als „richtige“ Arbeit anerkannt. Das bisschen Haushalt, so die Erzählung, macht sich doch von allein. Neben dem „bisschen Haushalt“ gehen zahlreiche FLINTA*s ganz im Sinne der kapitalistischen Verwertungslogik auch noch einer Lohnarbeit nach. Sie sind damit einer Mehrfachbelastung ausgesetzt.
Es ist uns dabei wichtig zu betonen, dass die Debatte um Care-Arbeit historisch stark cis- und heteronormativ geprägt ist. Bei den Begriffen Care, Fürsorge und Sorgearbeit denken viele Menschen in erster Linie and Kinderbetreuung, die Pflege alter und kranker Menschen oder Hausarbeiten. Sorgearbeit, die in trans- und nicht-binären Räumen geleistet wird und die über familiäre oder medizinische Fürsorge hinausweist wird jedoch nur selten in den Blick genommen. Darunter fällt z.B. Sorgearbeit, die sich konkret auf Transition bezieht, oder auch die Unterstützung bei Diskriminierung und Gewalt, sei es auf der Straße, im Büro, in der Universität oder im Jobcenter. Queere Identitäten und Lebensrealitäten müssen unbedingt stärker in die Debatte, auch hinsichtlich Care-Arbeit, eingeschlossen werden!

Was sich bei dem so wichtigen Thema Umgang mit Carearbeit auch wieder zeigt, ist eine Verschränkung von Herrschaftssystemen, welche Unterdrückung und Ausbeutung regeln. Es gibt nicht auf der einen Seite den Kapitalismus und auf der anderen Seite das Patriarchat, mit jeweils eigenen Dynamiken, sondern ein einziges zusammenhängendes und umfassendes System. Es ist ein System, das auf der Ausbeutung von Mensch und Natur basiert und das auch durch die Trennung von Produktion und Reproduktion aufrechterhalten wird. Die patriarchale Konstruktion der binären Gegenüberstellung von Mann und Frau drückt sich dabei auch in der ungleichen Betrachtung der Binarität von Produktion und Reproduktion aus. Reproduktionsarbeit bezeichnet dabei die unbezahlte Arbeit, die notwendig ist, um die Arbeitskraft der Lohnabhängigen zu reproduzieren und damit das Kapital zu vermehren. Unbezahlte und erwerbsförmig organisierte Care-Arbeit als elementare Voraussetzung allen wirtschaftlichen Handelns wurde dabei seit der Entstehung industrieller kapitalistischer Warenproduktion systematisch ausgeblendet.
Gerade deshalb ist es umso wichtiger feministisch und intersektional zu kämpfen, um eine Utopie anzustreben, in der alle Menschen unabhängig von Geschlechtsidentität, sexueller Orientierung, Hautfarbe, Herkunft oder sozialer Klasse frei von Ausbeutung und Unterdrückung leben können. 

Oft sind es marginalisierte und unterrepräsentierte Gruppen, die überproportional von Carearbeit betroffen sind. FLINTA*s in prekären Beschäftigungsverhältnissen, Menschen aus einkommensschwachen Familien oder aus ethnischen Minderheiten sind häufiger in unbezahlter Carearbeit involviert und leiden unter den sozialen und wirtschaftlichen Belastungen, die damit einhergehen. Es ist unsere Pflicht als Linke, für soziale Gerechtigkeit einzutreten und diese Ungerechtigkeiten anzusprechen.

Es ist wichtig, gemeinsam über Utopien der Carearbeit zu sprechen und sich zu fragen, wie eine Welt aussehen würde, in der Produktion und Reproduktion nicht getrennt sind und in der Care-Arbeit als gesellschaftlich notwendige Arbeit anerkannt und wertgeschätzt wird. Eine Welt, in der die Arbeit gerecht verteilt ist und nicht nach rassistischen, geschlechtlichen oder klassenbezogenen Strukturierungen erfolgt. Hierfür müssen wir zwangsläufig auch den Streik aus Lohnverhältnissen ins Private tragen. Zeigen, wie es zugehen würde, wenn FLINTA*s nicht alles zusammenhalten würden. Wenn wir nicht im Hintergrund Gesellschaft ermöglichen würden, unbezahlt und ungesehen. Uns und unser Sorgen, unser Mitdenken, unser Kümmern endlich benennen, miteinander bereden und Änderungen erzwingen. Das bedeutet Geschlechterrollen und -identitäten zu hinterfragen und aufzubrechen und zwangsläufig das Patriarchat zerstören.

Der 1.Mai als internationaler Kampftag der Arbeiter*innenklasse kann also nur ein feministischer Tag sein. Wir fordern dabei eine Umverteilung und Anerkennung von Care-Arbeit und eine gleiche Versorgung und gute Arbeitsbedingungen für alle! Es geht um die Gestaltung unseres Miteinanders und das betrifft eben nicht nur die Art und Weise wie wir produzieren, sondern auch wie wir reproduzieren und füreinander sorgen. Wir fordern eine Welt, in der die Produktion und Reproduktion nicht getrennt sind und in der Care-Arbeit als gesellschaftlich notwendige Arbeit anerkannt und gewertschätzt wird. Die bestehenden Probleme der Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit sind keine Privatangelegenheit, die von den Einzelnen “irgendwie” zu bewältigen sind. Stattdessen gilt es, Rahmenbedingungen herzustellen, die es ermöglichen, Erwerb und Sorge ohne Überforderung leisten zu können und zwar unabhängig von der Geschlechtsidentität. Wir fordern eine Welt, in der die Arbeit gerecht verteilt ist und nicht nach rassistischen, geschlechtlichen oder klassenbezogenen Strukturierungen erfolgt. Dafür müssen wir bestehende gesellschaftliche Verhältnisse bekämpfen, uns zusammenschließen im Kampf gegen Kapitalismus und Patriarchat. Kein Arbeitskampf ohne Feminismus!